Hessenweit gibt es einige Ausbildungsberufe, bei denen die Fachklassengröße an der jeweiligen Berufsschule weit unter den gesetzlich geforderten 15 Schülerinnen und Schülern pro Jahrgang liegt. Teilweise gibt es selbst über drei Ausbildungsjahre eines Berufes hinweg weniger als 15 Schülerinnen und Schüler an einer Schule. Aufgrund zunehmend kleiner werdender Fachklassen mit der Gefahr eines nachhaltigen Rückgangs des Angebotes in der Fläche wurden 2016 regionale Gremien zur Schulentwicklungsplanung im Bereich der Berufsschulen ins Leben gerufen, die den Auftrag erhielten, gemeinsam an Lösungen für diese kleinen Fachklassen zu arbeiten.

Dem „Regionalen Gremium West zur Schulentwicklungsplanung im Bereich der beruflichen Schulen“ (kurz: „Region West“) gehören der Lahn-Dill-Kreis, der Landkreis Limburg-Weilburg, der Landkreis Gießen, die Stadt Gießen, der Landkreis Marburg-Biedenkopf, die Stadt Marburg und der Wetteraukreis an.

Wetzlarer Erklärung

Die Schuldezernenten aus diesen mittelhessischen Landkreisen und Sonderstatusstädten haben am heutigen Freitag, 15. November 2019, die sogenannte „Wetzlarer Erklärung” unterschrieben und an die Landräte, Oberbürgermeister und Schuldezernenten im Rhein-Main-Gebiet gesandt. Darin schlagen sie dem Ballungsraum vor, angesichts der dortigen Kapazitätsengpässe in Berufsschulen Bildungsangebote in den mittelhessischen Raum zu verlagern. Dort seien durchaus Kapazitätsreserven vorhanden bzw. aufgrund sinkender Auszubildendenzahlen seien sogar manche Bildungsgänge in Mittelhessen akut gefährdet. Marian Zachow, Marburg-Biedenkopf: „Es ist eine absurde Situation, dass in einem Teil Hessens Klassen und Werkstätten überfüllt sind, während sie nur 60 Kilometer weiter wenig genutzt sind”. Deswegen regen die Unterzeichner – die Landräte Michael Köberle (Limburg-Weilburg) und Jan Weckler (Wetterau), die Stadträtinnen Astrid Eibelshäuser (Gießen) und Kirsten Dinnebier (Marburg) sowie die Kreisbeigeordneten Heinz Schreiber (Lahn-Dill), Dr. Christiane Schmahl (Landkreis Gießen) und Marian Zachow (Marburg-Biedenkopf) – einen Dialog mit den Schulträgern im Rhein-Main-Gebiet an, in dem gemeinsam Optionen für Verlagerungen und Kooperationen erörtert werden sollen.

Im Kern geht es um Qualität

In Frankfurt und anderen Großstädten sei es mittlerweile oft der Fall, dass die Klassengrößen weit über 15 Schüler lägen, die sich Werkstätten, Räume etc. teilen müssten. „Damit ist kein guter, praxisorientierter Unterricht möglich” betont Heinz Schreiber. Umgekehrt müssten in Mittelhessen, um überhaupt auf die 15 Schüler zu kommen, oft Schülerinnen und Schüler aus mehreren Jahrgängen und aus zum Teil verschiedenen Fachrichtungen zusammen beschult werden. Michael Köberle: „Auch das trägt zur Qualität nicht bei”. Dieses Problem könne durch eine Kooperation zwischen Rhein-Main und Mittelhessen unkompliziert gelöst werden.

Die Belastungen durch eine solche Kooperation seien sowohl für die Schülerinnen und Schüler als auch für die Ausbildungsbetriebe im Vergleich zu den Qualitätsgewinnen überschaubar. „Der Weg von einem Frankfurter Stadtteil zu einer Berufsschule in der Stadtmitte kann in der Rush-Hour fast so lange dauern wie die Bahn-Fahrt nach Friedberg oder Gießen“, so Jan Weckler. Für den Wirtschaftsstandort Hessen hingegen seien qualitätsvolle Berufsschulen ein wichtiger Faktor, um junge Menschen in Entscheidungen für eine berufliche Ausbildung zu begeistern.

Verantwortungsvoller Einsatz von Ressourcen

Den mittelhessischen Dezernenten geht es aber auch um verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Wenn aufgrund steigender Schülerzahlen Werkstätten und Schulgebäude im Rhein-Main-Gebiet neu gebaut werden müssen, ist man schon für eine Fachrichtung schnell bei hohen Millionensummen. Gleichzeitig verschlingen nicht genutzte Räume oder Werkstätten im ländlichen Raum ebenfalls hohe Betriebskosten. Marian Zachow: „Selbst wenn es nur in einigen wenigen Fachrichtungen gelingt, intelligente Kooperationen zu vereinbaren, lassen sich Millionen einsparen.

Intelligente Kooperationen heißt natürlich nicht zwingend, dass Berufsschülerinnen und -schüler (Berufsschul-)täglich in den mittelhessischen Raum pendeln müssten. Hier geht es genau darum, im Dialog intelligente Modelle zu finden. Verstärkter Blockunterricht könnte ein Ansatz sein, ebenso denkbar sei es, dass Tage mit allgemeinbildenden Unterricht weiter im Rhein-Main-Gebiet stattfänden, während der kostenintensive fachspezifische Unterricht an Kompetenzzentren in Mittelhessen stattfindet – so skizzieren die Dezernenten mögliche Lösungen.

Zeit für ein Umdenken

Die Unterzeichnenden der Wetzlarer Erklärung sind sich einig: „In der Berufsschulpolitik darf künftig nicht nur die eigene, lokale Besitzstandswahrung im Vordergrund stehen, sondern wir brauchen ein gesamthessisches Denken. Wir würden uns sehr wünschen, dass sich die Verantwortlichen im Rhein-Main-Gebiet auf diesen Dialog einlassen, der für alle gewinnbringend sein könnte. Am Anfang könnten Modellprojekte und -versuche stehen.

Quelle: Wetteraukreis

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